LANDWIRTSCHAFT

 

Verstümmelt und verkrüppelt: Quälerei im Putenstall

Der folgende Artikel wurde von Dr. Christina Sultan für die Organisation “Arche 2000” verfasst. Arche 2000 ist mit ca. 60.000 Mitgliedern und 200 Mitarbeitern innerhalb kurzer Zeit eine der größten und bekanntesten deutschen Tierschutzorganisationen geworden. Im ganzen Bundesgebiet unterstützt Arche 2000 alternative Tierhöfe, tierschützerische Organisationen und Projekte und ist mit Tierrettungswagen im Einsatz.

Von Dr. Christina Sultan

BSE, Schweinepest und Dioxin; Legehennen in Käfigbatterien, Muttersauen in Kastenständen und Kühe in Ketten kennen wir alle. Doch was ist eigentlich mit den Puten? Eines der wenigen Opfer der Tierfabriken, über die es bisher kaum Horrormeldungen gab. Dank verbotener Mastmittel und anderer Skandale der Massentierhaltung boomt die Nachfrage nach Geflügel in Deutschland. Denn mit Geflügel kann der Verbraucher kaum Negativschlagzellen in Verbindung bringen. Doch auch hier ist Tag für Tag Qual angesagt. Die Tiere werden in den Fleischfabriken grotesk verkrüppelt, mit Antibiotika vollgepumpt und durch schmerzhaftes Schnabelkupieren gequält.

Die Pute stammt ursprünglich aus Mittelamerika. Im 16. Jahrhundert wurde sie in Europa eingeführt. Die eigentlich sehr beweglichen Vögel wurden züchterisch so bearbeitet, dass mittlerweile fleischbepackte aber kranke Turbo-Puten daraus geworden sind. Zwei Arten stehen bei uns im Vordergrund: das ist zum einen eine leichte Rasse, die ihr Mast-Endgewicht mit zwölf Wochen erreicht. Diese sogenannten “Baby-Puten” werden mit einem Lebendgewicht von drei bis sechs Kilogramm geschlachtet. Hauptsächlich werden jedoch schwere Rassen gemästet, “BIG 6” heißt die Turbo-Pute, bei Züchtern und Mästern beliebt als Supervogel. Die Mast der weiblichen Tiere dauert etwa 16 Wochen und die Tiere erreichen dabei ein Gewicht von über 8 kg. Die Mast der männlichen Tiere dauert etwa 20 - 24 Wochen. Ihr Mast-Endgewicht beträgt bis zu 20 kg. “BIG 6” setzt zwar schnell Fleisch an, aber die rasante Zunahme kostet viele Tiere die Gesundheit oder das Leben lange vor dem geplanten Schlachttermin. Zum Vergleich: Ein ausgewachsener wilder Truthahn wiegt rund sieben Kilo und wird bis zu zehn Jahre alt.

Von einem “wirklichen Trauerspiel” spricht Siegfried Ueberschär, Veterinär an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, in einem “Spiegel”-Interview. Die hochtechnisierte Truthahn-Produktion, “in die noch niemand richtig reingeleuchtet hat”, sei “noch schlimmer als die der malträtierten Masthähnchen”, prangert der Tierpathologe die Praktiken der Massentierhalter an. Zwar auf dem Boden, aber in drangvoller Enge, beinahe auf- und übereinander, sitzen die mehr als sieben Millionen Truthähne und -hennen in deutschen Mastanstalten ein. Im Endstadium der Mast werden bisher pro Quadratmeter 50 Kilogramm “Tiermasse” gehalten, wie es im Fachjargon heißt. Für Putenhähne sollen es in Zukunft 40 kg pro qm, für Putenhennen 35 kg sein. Ein echter Fortschritt, brüstet sich die Geflügelwirtschaft, schließlich haben sogar einige Tierschützer diese freiwillige Vereinbarung unterzeichnet. Weit her sein kann es mit diesen Tierschützern wohl nicht.

Die Steigerungsraten sind enorm: Seit 1990 stieg der Putenkonsum in Deutschland laut einem Bericht der Lebensmittelzeitung um 80 Prozent an – nicht zuletzt wegen der ständigen Skandale bei Schweinen, Rindern und Kälbern. Doch die Wirklichkeit bei der vermeintlich gesunden Alternative sieht auch nicht besser aus. Kläglich rutschen oder liegen die Tiere zu Ende ihrer 22 Lebenswochen auf der überbreiten und schweren Brust, dem begehrten Putenschnitzel. Skelett, Beine und Sehnen können mit dem viel zu schnellen Wachstum nicht mithalten und verbiegen unter der Fleischlast. Knochenbrüche, verkrümmte Rücken und schmerzhafte Gelenkerkrankungen müssen die Vögel ertragen. Aufgrund der Haltungs-bedingungen richten die gequälten Kreaturen ihre Aggression – ähnlich wie die Hühner in Legebatterien – gegen die Artgenossen. Sie reißen einander am Gefieder, fügen sich gegenseitig blutige Wunden zu und hacken sich teilweise sogar zu Tode.

Um Federpicken und Kannibalismus zu verhindern, werden den Putenkindern am ersten Lebenstag die Schnäbel gekappt. Im “Bio-Beaker" brennt sich ein Laserstrahl durch den Oberschnabel. Dabei nehmen Nervenfasern, Bindegewebe und Blutgefäße Schaden. Die Folge sind Schmerzen und ständige Irritationen. Und: Die Tiere können sich nicht mehr artgemäß das Gefieder putzen. Zusätzlich stehen die Tiere ständig unter Medikamenten. Impfstoffe, Mittel gegen Parasiten, manchmal sogar Beruhigungsmittel spielen – wie in jeder Tierfabrik – eine große Rolle. Über das Trinkwasser und das Futter werden die Puten mit sogenannten Leistungsförderern, meist Antibiotika, noch mehr hochgepowert. Zwei dieser Stoffe mussten mittlerweile verboten werden, da sie im Verdacht standen, folgenschwere Antibiotika-Resistenzen auszulösen.

Am Ende ihres qualvollen Lebens steht den Puten noch der Transport zum Schlachthof bevor. Tausende Vögel werden dicht an dicht in Kisten gepfercht, hier brechen schon mal Beine und Flügel, die Tiere erdrücken sich gegenseitig oder sterben vor Angst. Die Puten, die lebend ankommen, werden aus den Kisten gezerrt, an den Beinen aufgehängt und per Förderband vom LKW in ein unter Strom gesetztes Wasserbad transportiert, anschließend wird ihnen die Halsschlagader durchtrennt.

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Externe Links:
Arche 2000
Verein gegen tierquälerische Massenhaltung