LANDWIRTSCHAFT

Putenmast im Neandertal

von Götz-R. Lederer

 

Schweinepest und Rinderwahn - wer sollte sich da nicht mit Grausen abwenden? Auf die Kontrollen kann man sich kaum verlassen. Je billiger das Rindfleisch aus England, desto größer die Gewinnspanne und damit der Wille, die Beschränkungen zu umgehen. Was wundert es, dass Putenfleisch immer beliebter wird.

So hat sich in den letzten 10 Jahren der Verbrauch fast verdoppelt. Nicht nur das Fleisch, selten zäh und von mildem Geschmack genießt den Ruf, besonders gesund zu sein. Die Putenindustrie hat erfolgreich Marketing betrieben. Nicht nur als ganze Pute, Brust, Bein oder Flügel sondern auch als Wurst hat Putenfleisch Furore gemacht und ist weiter im Aufwind. Der deutsche Markt kann von den einheimischen Mästern gar nicht vollständig bedient werden. Während etwa sieben Millionen Puten in Deutschland ihr Leben lassen müssen, kommen fast 20 Millionen Tiere aus dem Ausland. Was Wunder, wenn deutsche Bauern sich dem Boom anschließen möchten. So auch ein Landwirt am Neandertal, der sich ein gutes Geschäft ausrechnet.

Das Putenfleisch verdient seinen guten Ruf nur dem geschickten Marketing der Putenindustrie und den Skandalen um die anderen Fleischsorten. In Wirklichkeit ist Putenfleisch nicht besser als anderes Fleisch. So ist etwa der Cholesteringehalt von Putenfleisch keineswegs günstiger als der von Schweinefleisch. Die Haltung der Puten ist ebenfalls kaum besser als die von Hühnern in Legebatterien. Vier bis fünf Tiere pro Quadratmeter empfiehlt die Landwirtschaftliche Hochschule in Stuttgart-Hohen-heim den Landwirten. Für die jungen Tiere ist das schon schlimm genug, für die ausgewachsenen Tiere mit bis zu 18 kg Gewicht ist es eine Tortur. Bis zu 10 Prozent der Tiere sterben vor Ihrer Schlachtung und müssen regelmäßig aufgesammelt werden. Aufgrund des in nur 22 Wochen angefressenen Übergewichts sind die Knochen der Tiere oft nicht in der Lage, das eigene Gewicht zu tragen. Die Puten liegen die letzten Wochen in ihrem eigenen Kot.

Die dichtgedrängten Tiere beißen und hacken, daher werden ihnen die Schnäbel gekürzt. Um ihre Leiden ertragen zu können und die in der Enge unvermeidlichen Krankheiten zu überleben, werden die Tiere mit Medikamenten vollgestopft. Wachstumsbeschleuniger, Antibiotika, Beruhigungsmittel – all das befindet sich im Futter der Tiere und kann gar nicht vollständig abgebaut werden. Ärzte warnen schon lange vor Resistenzen gegen Antibiotika, die der Mensch sich über Jahre hindurch aus nicht abgebauten Medikamenten im Tierfleisch holt. Auch Salmonellen gedeihen in den Putenmastställen bestens. In einer Untersuchung erwiesen sich 60 Prozent der Putenlebern von Fäkalbakterien befallen. Man kann nur sagen “guten Appetit”.

15.000 Tiere sollen im Neandertal gemästet werden – im Vergleich zu manch nord- und ostdeutschen Betrieb vergleichsweise wenig, für unsere dichtbesiedelte Region schon zu viel. Die Zahl der Tiere wurde auf diese Zahl begrenzt, da eine größere Anzahl das Genehmigungsverfahren durch eine Umweltverträglichkeitsprüfung deutlich erschwert hätte. Herr Einloos bekannte sich in einem Telefongespräch mit dem Verfasser ganz deutlich dazu, bei Bedarf die Zahl erhöhen zu wollen. Das Vorhaben soll nötig sein, um langfristig den Erhalt des Hofes sichern zu können. Rund 80 Prozent des Futters kommt von den eigenen landwirtschaftlichen Flächen. Diese beiden Kriterien genügen, damit die Landwirtschaftskammer die Notwendigkeit feststellt, im Sinne der Wirtschaftlichkeit das Vorhaben zu unterstützen: Es handelt sich dann um ein “privilegiertes Verfahren”.

Diese Privilegierung bedeutet, dass vor Ort der Sinn des Bauvorhabens nicht mehr in Zweifel gezogen werden kann. Der Landwirt hat ein Anrecht auf seine Baumaßnahme. Genehmigungsbehörden in Stadt und Kreis können nur noch die Randbedingungen festlegen. So ging im letzten Oktober die Genehmigung durch den Landschaftsbeirat. Natürlich haben die Vertreter der Naturschutzverbände sich grundsätzlich gegen die Putenmast ausgesprochen, das war aber gar nicht die Entscheidung, die anstand. Die Baumaßnahme konnte überhaupt nicht verhindert werden. Zuständig ist die untere Landschaftsbehörde des Kreises und die Baubehörde in Mettmann. Die Stadtteile Millrath (Erkrath) und Gruiten (Haan) liegen allerdings näher an dem Bauernhof.

Wenn das rechtliche Verfahren keine Möglichkeiten lässt, kann nur Widerstand der Bürger etwas bewirken. Tierschützer, Wanderer, Nachbarn der Widerstand rekrutiert sich aus den verschiedensten Bevölkerungsgruppen. Dutzende von Leserbriefen haben dokumentiert, dass viele Menschen es nicht hinnehmen wollen, den Belastungen durch eine Putenmastfarm im Naherholungsgebiet hin zu nehmen. Vor allem in Erkrath formierte sich der Widerstand. Das Thema Putenmast beschäftigte den Stadtrat zum wiederholten Mal. Die Stadt Erkrath beauftragte einen Anwalt, ihre Interessen zu vertreten und will auf jeden Fall am weiteren Verlauf des Genehmigungsverfahrens beteiligt sein.

Der Widerspruch gegen die Putenmastanlage beruht vor allem auf zwei Kriterien: Auf die Belastung der Umgebung durch die Emissionen mit Bakterien, Viren, Sporen und Pilzen durch den trockenen Mist, und auf die Schutzwürdigkeit des angrenzenden Fauna-Flora-Habitats Neandertal. Wir halten den Bezug auf die europäische FFH Richtlinie für recht aussichtsreich, da hiernach schon vergleichsweise geringfügige Störungen auch von außerhalb als erheblich einzustufen sind. Allerdings liegen noch keine Vergleichsurteile vor. Wir sollten uns bei aller Kritik an den Planungen von Herrn Einloos aber auch immer klar machen, was hinter dem Zwang steht, solche Anlagen zu bauen. Die Landwirtschaft hängt am Tropf. Um die Wirtschaftlichkeit zu erhalten, werden die Betriebe immer größer, die Bedingungen der Tierhaltung immer grausamer. Wem beim Zeitungsbericht über grausame Tierhaltung die Tränen kommen, der sollte nicht vergessen, dass unser Konsumverhalten daran mit Schuld ist. Wenn uns beim Fleischkauf nur wichtig ist, welchen Preis wir in Mark und Pfennig zahlen, dann unterstützen wir damit eine derartige Massentierhaltung. Wenn wir nichts für unser Fleisch bezahlen wollen, dann müssen wir auch akzeptieren, dass das Fleisch billig hergestellt wird. Bezahlen müssen wir das dann allerdings mit unserer Gesundheit, und die Tiere mit entsetzlichen Qualen. Es existiert jedoch seit langem ein Ausweg aus dieser Problematik: es gibt ökologische Landwirtschaft und ökologisch orientierte “Fleischproduktion”, die beispielsweise als Naturland- und Biolandprodukte angeboten werden. Für den BUND ist das die Lösung für viele Probleme mit der Tierhaltung, sowohl aus Sicht der Tierschützer als auch aus Sicht der Verbraucher. Wir haben daher ein Gespräch von Herrn Einloos mit dem Berater für ökologische Landwirtschaft von der Landwirtschaftskammer Rheinland arrangiert. Wir sind der Überzeugung, dass hier in direkter Nähe zum Verbraucher eine ökologische Tieraufzucht Chancen hätte, und auch wirtschaftlich interessant sein könnte. Lieferanten für ökologisches Fleisch werden nämlich händeringend gesucht. Das Gespräch brachte leider nichts, die ökologische Variante war wirtschaftlich (noch?) nicht vergleichbar. So bleibt den Bürgern mehr darauf zu achten, welches Fleisch sie aus dem Laden mit nach Hause nehmen.