von Götz-Reinhardt Lederer

 

Aus Mettmanner Landen frisch auf den Tisch

 

Gut, dass wir eine so gut funktionierende Demokratie haben. Da stellt die SPD sich hin und prangert zu recht die Versäumnisse der Regierung an. Hat diese doch offensichtlich geschlampt und ist mit Informationen über BSE- Rinder nicht korrekt umgegangen! Leider findet das Ganze nur in Bayern statt, hat die Landesregierung doch vorliegende Informationen offenbar vertuscht. Umgekehrt will die CDU auch nicht zurückstehen und fordert die Köpfe von Ministern, natürlich von Bundesministern, da in deren Häusern auch Informationen nicht rechtzeitig weitergegeben worden sind.

Das Possenspiel schlägt aber noch weitere Kreise. Wirft die EU den Bayern und den Deutschen vor, nicht richtig mit dem BSE-Problem umgegangen zu sein, was diese postwendend damit beantworten, die angeforderte EU Studie sei erst sehr verzögert angekommen. Was Wunder, dass die Belgier die Gunst der Stunde nutzen und das Fleisch der Saubermänner aus Deutschland nicht mehr ins Land lassen. Diese Geste ist nicht nur für die eigene Wurstproduktion vorteilhaft, sondern tut bestimmt auch dem Ego gut nach den Vorwürfen aus Deutschland in den letzten Jahren. Dass die Belgier damit vor BSE geschützt sind, glauben sie allerdings wohl selber nicht. Nur die Franzosen legen sich relativ unbeeindruckt BSE-Spielzeugkühe unter den Weihnachtsbaum. Die einzigen, die konsequent vorgehen können, sind die Japaner, haben sie doch einen Einfuhrstopp für EU-Fleisch insgesamt verhängt. Ob ihnen das aber nutzt?

Und die Umweltschützer? Sind sie jetzt froh, dass sie es ja schon immer gewusst haben? Ich denke auch ihnen wird die Freude darüber im Hals stecken bleiben. Haben sie doch noch nicht mal die Genugtuung, dass die erkrankten Kühe in bösen Tierfabriken gefunden worden sind, sondern auf vergleichsweise kleinen Bauernhöfen. Bei der Bekämpfung des BSE hat man die übliche Strategie entwickelt. Man setzte voraus, dass die Infektion über Tiermehl im Futter erfolgt ist und hat versucht, diesen Infektionsweg in den Griff zu bekommen. Man ging davon aus, dass es reicht, das Material stärker zu erhitzen, aber das hat offensichtlich nicht genügt.

Leider muss man das Verbot von Tiermehl eher als hektische Aktion bewerten. Wenn das Verbot allerdings nach einem halben Jahr wieder aufgehoben werden soll, ist das Vorgehen nur noch als hirnrissig zu bezeichnen. Wir können hier leider auch keine Tipps geben. Es ist keineswegs erwiesen, dass die Infektion über das Tiermehl oder den Milchersatz stattfindet. Ernst zu nehmende Forscher erwägen, dass die Infektionen auch über den Boden stattfinden, vielleicht sogar von der allgemeinen Umweltbelastung herrühren könnte.

Wir wollen uns an der allgemeinen Kaffeesatzleserei nicht beteiligen. Allerdings möchten wir die Panik doch ein wenig dämpfen. In Deutschland sterben viel mehr Menschen am Stress, der durch den Straßenlärm verursacht wird, als an BSE erkranken. Worüber man allerdings einmal nachdenken sollte ist, dass unsere gesamte Fleischproduktion – schon das Wort ist grausam – unnormal ist. Wie wir unsere Tiere halten, was wir den Tieren zumuten (siehe den Artikel über die Puten), es ist nicht mehr menschlich. Und keiner sollte hier sagen, es gehe darum, Hunger zu stillen: das Gegenteil ist der Fall, denn unsere Tiere fressen der Bevölkerung der ärmsten Länder die Nahrungsmittel von den Feldern.

Bei uns geht es ausschließlich darum, noch ein paar Pfennig pro Kilo mehr Geschäfte zu machen, oder – machen wir uns als Verbraucher nichts vor – ein paar Pfennig billiger beim Einkauf wegzukommen. Die einzige vernünftige Alternative ist, unsere Tiere wieder artgerecht aufwachsen zu lassen. Und damit fängt man am besten vor der Haustür an.

Vor der Haustür heißt für den Kreis Mettmann, die jetzt anstehende Putenmast zu verhindern. Wir wollen hier nicht auf die Haltung der Tiere eingehen, wir wollen hier auch keineswegs den Eindruck erwecken, es handele sich in Mettmann um ein herausragend verwerfliches Projekt. Hier wird der größte Teil der Futtermittel selbst erzeugt und nicht den Ärmsten der Armen weggenommen. Es zeigt sich aber auch hier, dass es an Mut und Ideenreichtum fehlt, wirklich neue Wege zu gehen und gesundes Fleisch durch natürliche Haltung von Tieren zu erhalten. Auch hier wird das Futter in einer Futtermittelfabrik aufgearbeitet, das heißt, mit Medikamenten und anderen Zusatzmitteln versehen, die dann im Menschen als Endlager deponiert werden.

Puten stehen momentan noch nicht im Verdacht, BSE zu übertragen. Wenn Sie allerdings Puten essen, ist Ihnen Ihre Ration an Hormonen und Antibiotika sicher! Sie essen kein Rind und kein Putenfleisch? Ohne Luft und Wasser können Sie dennoch nicht leben. Die geplante Putenzucht soll 300 Meter vom Naturschutzgebiet stattfinden. Der Putenmist wird auf die Felder verteilt. Wie weit sich die Feinstäube des aufgebrachten Mists im Kreis Mettmann verteilen, lässt sich nur erahnen. Der Bereich ist für die Wassergewinnung wichtig. Nach einem Zeitungsbericht sind Bodenproben mit Putenmist, die von den Stadtwerken genommen wurden, für das Trinkwasser “völlig ungefährlich”, nach uns vorliegenden Informationen ist dieses Jahr der Putenmist aber gar nicht an den beprobten Stellen ausgebracht worden. Auswirkungen auf Luft und Wasser treffen alle, auch wenn sie kein Fleisch essen!

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Externe Links:
Arche 2000