UMWELT & NATUR

Deichverlegung in Monheim
– ein Jahrhundert-Bauwerk

von Wilhelm Knebel

 

Mit 10,69 Meter, gemessen in Köln, erreichte das Rheinhochwasser im Jahre 1995 den höchsten Pegelstand seit 1926. Es wurde offenbar, dass der seit langen Jahren zur Sanierung anstehende Deich in Monheim durch einen neuen, an modernen Erkenntnissen orientierten Deich ersetzt werden müsse. Gleichzeitig sollte durch Verlegung des Deiches ein Überflutungsbecken (Retentionsraum) geschaffen werden, um die Wucht des Hochwassers zu mildern.

Nicht nur die Deichhöhe war für die immer stärkeren Hochwasser nicht mehr ausreichend, sondern auch der Deichkörper selbst war nicht dicht genug, so dass sehr viel Flusswasser (Qualmwasser) ins Hinterland gedrückt wurde. Der durchnässte Deich wurde dadurch immer weicher, und Monheim kam gerade noch einmal an einem drohenden Deichbruch vorbei. Hätte der Deich nicht gehalten, hätte das katastrophale Folgen gehabt – riesige Gebiete in Monheim wären überschwemmt worden.

Die Schäden, die vor fünf Jahren durch das Hochwasser überall am Rhein angerichtet wurden, waren immens. Die Krisenstäbe landauf, landab traten zusammen. Es wurde ein Programm entwickelt mit der Maßgabe, dem Rhein, dort, wo es geht, wieder mehr Ausbreitungsmöglichkeit zu geben. Durch eine neu zu schaffende Kette von Poldern entlang des Rheins sollten die Hochwasserspitzen zunächst eingespeichert und dann mit Verzögerung bei sinkendem Wasserstand dem Rhein wieder zugeführt werden. In den letzten Jahrzehnten waren in dem 150.000 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet des Rheins Tausende von Bächen begradigt oder sogar verrohrt worden, es wurden Wege und Plätze asphaltiert. Die Folge war, dass das Niederschlagswasser immer schneller in den Rhein gelangen konnte. Außerdem wurden die Deiche immer näher an den Fluss gerückt, um Bauland zu gewinnen oder die landwirtschaftliche Nutzung zu intensivieren. Brauchte beispielsweise eine Flutwelle von Basel nach Karlsruhe 1955 noch 65 Stunden, so “schaffte” sie es 1993 schon in 30 Stunden.

Nach dem Jahrhunderthochwasser von 1993 mit einem Pegelstand von 10,22 m (Köln) dachte man in Monheim noch über eine Erhöhung und Verstärkung des bestehenden Deiches nach, doch bei dem noch höheren Hochwasser von 1995 wurde klar, dass der Deich komplett erneuert werden mußte. Da Monheim im Besitz eines großen Deichhinterlandes ist, konnte hier direkt ein Retentionsraum für acht Millionen Kubikmeter Wasser geschaffen werden. Während der alte Deich weitestgehend dem Rheinbett folgt und 4.500 m lang ist, schneidet der neue Deich den Rheinbogen praktisch ab und erreicht nur noch eine Länge von 3.400 m. Der erzielte wesentliche Gewinn dieser Maßnahme ist, dass dem Rhein ein Retentionsraum von 185 ha zurückgegeben wird. Wie gewaltig die Wassermassen sind, die der Rhein bei dem starkem Hochwasser von 1993/1994 mit sich führte, kann man erst ermessen, wenn man hört, dass bei Düsseldorf in jeder Sekunde 10 400 Kubikmeter Wasser vorbeiflossen.

Am 29. März 2000 war es dann so weit: Bärbel Höhn, Umweltministerin von NRW, führte den symbolischen “Ersten Spatenstich” aus und setzte den Baubeginn für den neuen Deich in Gang, dessen Fertigstellung für das Jahr 2001 geplant ist. Die gesamten Maßnahmen werden 60 Millionen Mark verschlingen, wovon die Stadt Monheim am Rhein zehn Prozent zu zahlen hat. Der Rest wird vom Land NRW und der EU getragen. Ungefähr 500.000 Kubikmeter Erde, Kies und Lehm müssen bewegt werden, davon kommen 85.000 Kubikmeter von den 1.400 Metern des alten Deiches, die abgetragen werden, damit das Hochwasser in den Polder fließen kann.



Bereits 1994 regte ich an, das benötigte Material auf dem Wasserweg zur Baustelle zu bringen. Nach einigem Hin und Her hat man sich dann doch für den Transport per LKW entschlossen, da dieser kostenmäßig weitaus günstiger ist als der Schiffstransport. So hat die Ökonomie einmal mehr über den Umweltschutz gesiegt. Einige 10.000 LKW werden also in Zukunft über unsere Straßen donnern, mit allen damit verbundenen negativen Auswirkungen für die Umwelt und die übrigen Verkehrsteilnehmer.

Da der alte Deich nach Meinung der Fachleute zu niedrig, zu steil und zu wenig verdichtet war, wird der neue Deich, da wo es erforderlich ist, höher werden und die unterschiedlichsten Böschungswinkel aufweisen, teilweise wird er sogar bepflanzt. Zur Sicherung vor dem gefürchteten Qualmwasser läuft mittig durch den neuen Deich eine Schicht aus Bentonit, das eine Mischung aus Wasser, Bentonit-Ton, Zement und Gesteinsmehl ist. Mit einem Spezialgreifer wird, geführt durch eine Schablone, ein Schlitz von genau 60 cm Breite und bis zu 22 Meter Tiefe gegraben, während gleichzeitig Bentonit in einem sehr flüssigen Zustand den Hohlraum füllt. Bentonit ist nach Aushärtung weiterhin plastisch und soll sehr zuverlässig verhindern, dass Qualmwasser von der Rheinseite unter dem Deich her in das Hinterland gelangt. Jedoch das von Osten ankommende Grundwasser wird an der Bentonit-Wand entlang erst nach Norden abfließen, um dann in den Rhein zu gelangen.

Neben dem Hochwasserschutz, der in erster Linie ein Schutz für Menschen ist, bewirkt die Schaffung eines Polders von 185 Hektar (umgerechnet 1,8 Millionen Quadratmeter) eine ökologische Bereicherung des Gebietes. Dauerhafte oder wechselfeuchte Flächen sowie die Bepflanzung mit standortgerechten Bäumen und Sträuchern werden dem Monheimer Rheinbogen ein unverwechselbares Gesicht geben. Auf den nicht vernässten Flächen wird weiterhin Landwirtschaft betrieben.