UMWELT & NATUR

Flächenverbrauch stoppen, ökologisch bauen - aber wie?
von Claudia Roth


Dieser Frage ging die BUND-Kreisgruppe Mettmann in einer Podiumsdiskussion am 9. Februar 2001 im Hildener Bürgerhaus nach.
Der BUND-Kreisvorsitzende Götz-Reinhardt Lederer stellte die Forderung des Naturschutzverbandes dar: Täglich werden in Deutschland rund 100 Hektar Land versiegelt. Dieser Trend muss bis zum Jahre 2010 gestoppt sein. Ab dann dürfen Neubauten nur noch in dem Maße errichtet werden, in dem bereits versiegelte Flächen entsiegelt werden oder überhaupt nur noch sog. Recycling-Flächen für die weitere bauliche Entwicklung in Anspruch genommen werden. Dies sagen alle Studien, die sich mit dem Thema nachhaltige Entwicklung auseinander setzen. Gelingt die Wende nicht, drohen verheerende Folgen für Natur und Boden, Tier- und Pflanzenwelt, Wasserhaushalt und Landschaft. Außerdem muss das ökologische Bauen, das sparsam mit den Ressourcen Boden, Wasser und Energie umgeht, die Regel werden.

Ein Beispielprojekt stellte Marianne Vaske, Mitarbeiterin der westfälischen Stadt Steinagen vor. Dort erschloss die Stadt ein neues Baugebiet und sicherte über die Kaufverträge, dass die künftigen Eigentümer Mindeststandards des ökologischen Bauens umsetzten. Dazu zählte der sog. Niedrigenergiestandard, nach dem das Haus 30 Prozent weniger Energie verbraucht als nach der Wärmeschutzverordnung vorgeschrieben ist. Ebenfalls ein Muss: der Einbau von Wasserspararmaturen und eine naturnahe Gartengestaltung. Baufamilien, denen dies nicht reichte, konnten über weitere freiwillige Leistungen wie Solaranlagen, Holzbauweise, Regenwassernutzung oder Dachbegrünung Bonuspunkte sammeln, die zu einem Nachlass von bis zu 10 DM je Quadratmeter auf den Grundstückskaufpreis führten. Wichtiger Bestandteil des Projekts: eine ständige Beratung und Betreuung der Handwerker, Architekten und Baufamilien. Entgegen den Erwartungen der vielen Skeptiker des Projekts war das letzte und unattraktivste Grundstück bereits nach zwei Jahren verkauft und bis auf eine Ausnahme haben alle Baufamilien auch freiwillige Zusatzleistungen erbracht. Die Baukosten hielten sich dabei mit 250.000 DM bis 300.000 DM durchaus im üblichen Rahmen.

Auf die Schwierigkeiten, ein derartiges Projekt auf hiesige Verhältnisse zu übertragen, wies der technische Beigeordnete der Stadt Hilden Maximilian Rech hin. Die Stadt habe kaum Möglichkeiten, selber Grundstücke zu erwerben, da die Marktpreise viel zu hoch seien. Außerdem würden nahezu alle größeren Vorhaben über Bauträger errichtet, eine individuelle Planung sei da gar nicht mehr realisierbar. Ein Schritt in diese Richtung sei aber mit der Hildener Wohnungsbaugesellschaft unternommen worden, die ein landesweit als Musterprojekt geltendes Bauvorhaben an der St.Konrad Allee verwirklicht habe.

Jürgen Lindemann aus dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium wies auf den seit Jahren ungebremsten Trend zur Neuversiegelung hin. Obwohl die Bevölkerungszahl in Deutschland rückläufig sei, werde mehr und mehr gebaut. Ursache hierfür seien mehr Leerstände, der gestiegene Wohnraumbedarf pro Kopf und die ständig steigende Zahl der Haushalte. Unter den Gemeinden sei ein Kampf um Gewerbebetriebe und Einwohner entbrannt. Während die eine Gemeinde ihren Flächenbedarf damit begründet, Unternehmen und Bürger am Standort halten zu müssen, reklamiert die Nachbargemeinde, für Neuansiedlungen dringend Flächen zu benötigen. Anschauliches Beispiel für diese Entwicklung war das Verfahren zu Neuaufstellung des Gebietsentwicklungsplans im Jahre 1999. Im Vorfeld hatte der zuständige Bezirksplanungsrat erklärt, die Bau-Reserveflächen für die alle Städte im Regierungsbezirk Düsseldorf auf insgesamt 2 km2 begrenzen zu wollen. Herausgekommen seien am Ende tatsächlich aber 4 km2.

Ulrich Trapp, technischer Beigeordneter der Stadt Haan warnte vor einem Eingriff in die kommunale Planungshoheit. Niemand könne die Gegebenheiten vor Ort so gut beurteilen wie die Stadträte. Sie allein seien in der Lage, die richtigen baurechtlichen Entscheidungen zum Wohle der Stadt zu treffen. Ihre Leitvorstellungen lege die Stadt im Flächennutzungsplan fest, der die künftige Entwicklung aufzeige. Erst wenn dieser zu oft geändert werde, drohe die Gefahr, dass das angestrebte Ziel aus den Fugen gerate. Auf die Frage des Moderators Josef Niedworok, wie er als Vertreter der Gartenstadt Haan dieses kulturelle Erbe in das 21. Jahrhundert retten wolle, antwortete Trapp, er sehe die Grenzen der Entwicklung in einer Abrundung der Siedlungsschwerpunkte Alt-Haan und Gruiten. Wer in den gültigen Gebietsentwicklungsplan schaue, der habe vor Augen, was in Haan noch an Bebauung möglich sei. Sein Pendant aus Hilden tat sich mit einer konkreten Aussage zur weiteren Entwicklung weitaus schwieriger. Rech, der Verwalter einer zu Ende gehenden Ressource - wie ihn der Moderator bezeichnete -, verwies darauf, dass Hilden bereits die geringsten Versiegelungs-Zuwachsraten im Kreis Mettmann aufweise. Von den derzeit 150 laufenden Bebauungsplanverfahren beziehen sich 80 Prozent auf eine Nachverdichtung der bestehenden Bebauung. Darüber hinaus müsse man sehen, was die Zukunft so bringe.

Burkhard Worm, Leiter des Amtes für Bauplanung im Kreis Mettmann, bestätigte die von Zuhörern vorgetragene Beobachtung, dass immer mehr Städte dazu übergehen, gemeindliche Einrichtungen wie Sportplätze und Bürgertreffs wegen zunehmender Anwohnerbeschwerden in den Außenbereich zu verlegen. Die Städte hätten bei derartigen Entscheidungen zwischen vielen Belangen abzuwägen und die des Naturschutzes seien nur einer davon.

Dieser Auffassung widersprach eine Besucherin der Veranstaltung ganz entschieden: Die Naturschützer vertreten in Bebauungsplanverfahren immerhin die Interessen der Umwelt und der nachfolgenden Generationen. Und diese seien schließlich höher zu bewerten als die Beschwerden Hinzugezogener an alteingesessenen Einrichtungen oder die kurzfristigen finanziellen Interessen von Investoren.


von Claudia Roth

Unser Boden - mit Füßen getreten

Welchen Stellenwert sind wir künftig bereit, dem Schutz des Bodens zuzumessen und um welcher Widerstände wegen? Wenn die Veranstaltung eines gezeigt hat, dann dies: eine Lösung des Problems der fortschreitenden Flächenversiegelung ist derzeit nicht in Sicht. Landesregierungen, die in ihren Koalitionspapieren vollmundig erklären, für den Schutz des Bodens eintreten zu wollen, müssen gestehen, hierfür überhaupt keine rechtlichen Möglichkeiten in der Hand zu haben. Die Städte pochen auf ihre grundgesetzlich garantierte kommunale Selbstverwaltung - das Einzige, was ihnen hiervon bis heute weitgehend unangetastet geblieben ist, ist nunmal die Planungshoheit - und sie wird mit Fängen und Klauen verteidigt. Anreizsysteme, sparsam mit der Umwelt umzugehen, ähnlich wie es für private Baufamilien in Steinhagen geschaffen wurde, gibt es für Kommunen nicht. Und so wird gebaut und versiegelt, was die Betonwerke hergeben: Welche Kommune sagt schon "nein", wenn ein Investor preiswerten Wohnraum für kinderreiche Familien verspricht? Welcher Stadtrat stellt sich dagegen, wenn ein Bauträger "Luxuswohnungen für gehobene Ansprüche" anpreist? Keiner - und genau das ist das Problem. Über kurz oder lang werden wir den Boden unter den Füßen verlieren. Denn je knapper die Flächen werden, um so geringer werden die Skrupel, immer wertvollere Flächen in Anspruch zu nehmen, um so stärker wird der Belang "wirtschaftliche Interessen" in jede Abwägung eingehen. Wir verlieren alle bei dem Spiel: ein Stück Umwelt, Heimat, Lebensqualität und Zukunft. Dass PolitikerInnen grundsätzlich nur in Wahlperioden denken können, ist altbekannt. Und so ist es an den Bürgerinnen und Bürgern, den Stachel im Fleisch der angeblich so wohlwollenden Stadträte zu spielen. Durch ihren Protest muss der Schutz des Bodens endlich den Stellenwert bekommen, den er verdient.