MENSCH & TECHNIK

Die Rückkehr der Schafe
Alte Traditionen neu aufgelegt
Claudia Roth

Wer in den letzten Wochen in den Naturschutzgebieten Hildener Heide, Ohligser Heide oder Further Moor unterwegs war, stieß dort unter Umständen auf die rund 300 neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der örtlichen Naturschutzverwaltung und konnte ihnen bei der Arbeit zusehen. Allein: die neuen Kräfte entlasten keine Arbeitslosenstatistik – es handelt sich vielmehr um Vierbeiner, die die ehrenvolle Aufgabe übernommen haben, für den Naturschutz ins Gras zu beißen.

Die Tiere sind die Hauptakteure eines kreisübergreifenden Schafbeweidungsprojekts, das von den Biologischen Stationen Mittlere Wupper (Solingen) und Urdenbacher Kämpe (Düsseldorf) angeregt und auf die Beine gestellt wurde. Etwa vier Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zur Realisierung. Finanziert wird das Projekt von der Stadt Solingen und dem Kreis Mettmann.

Das Besondere an der Sache: hier wurde eigentlich nichts Neues erfunden. Im Gegenteil: mit den Schafen kehrt eine traditionelle und standortgerechte Form der Landnutzung zurück in die ehemaligen Heidegebiete. Dem Bergischen Land ist vom Rhein aus blickend die sogenannte Bergische Heideterrasse vorgelagert. Sie umfasst ein Gebiet von zwei bis drei Kilometer Breite und 50 Kilometer Länge und reicht etwa von Siegburg bis Heiligenhaus. Ursprünglich waren hier Waldgesellschaften und Moore anzutreffen.

Wohl im späten Mittelalter begannen die Menschen, hier Bäume zu fällen und zu “plaggen”, das heißt, den Oberboden als Einstreu für Viehställe zu entnehmen. Doch die Natur eroberte sich diesen Lebensraum zurück: statt Wald siedelten sich auf den mageren sandigen Böden Heidekräuter wie Besenheide oder Glockenheide an.

Den Pflanzen folgten Tiere, die auf offene Lebensräume spezialisiert sind, wie zum Beispiel Heidelerche, Brachvogel und Birkhühner. Die Heideflächen waren "Allmende" oder modern ausgedrückt: Flächen für den Gemeinbedarf. Sie wurden von allen Bürgern der umliegenden Dörfer genutzt. In Eintracht mit den natürlichen Bewohnern brachten Imker zur Zeit der Heideblüte ihre Bienenstöcke in das Gebiet. Hirten trieben ihre Schafe über die Flächen.

Durch natürliche Auslese und gezielte Zucht bildete sich im Laufe der Zeit eine Schafrasse heraus, die äußerst robust und genügsam war, mit nassen Standorten und kargem Futter gut zurecht kam und trotzdem bei der Fleischerzeugung und als Wolllieferant zufriedenstellende Ergebnisse lieferte. Sie erhielt im Laufe der Zeit den Namen “Moorschnucke” oder “Weiße hornlose Heidschnucke”. Auf diese Weise existierte über Jahrhunderte eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft, in der Mensch und Natur von- und miteinander leben konnten.

Der Niedergang begann Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die Städte und Dörfer wuchsen, Bauern gaben auf und suchten Arbeit in den Fabriken. Aus Australien und Neuseeland kam preiswerte Schafwolle auf die europäischen Märkte, so dass nach und nach das Wirtschaften mit Schafherden immer unrentabler wurde. Sich selbst überlassene Heideflächen verbuschten und entwickelten sich zu dem zurück, was sie einmal waren: Buchen-Eichenwälder, Eichen-Birkenwälder oder Bruchwälder.

Auf die meisten Gebiete wollte der Mensch aber nicht verzichten: sie wurden entwässert und aufgeforstet, oft mit "in Mode gekommenen Baumarten” wie der Amerikanischen Roteiche, der Hybridpappel oder der Fichte. Außerdem drängten die Stadtbewohner, die im Zuge der Industrialisierung über mehr Freizeit verfügten in die stadtnahnen Außenbereiche: Spazierwege, Ausflugslokale und Freizeiteinrichtungen (wie z.B. das Segelfluggelände in der Hildener Heide oder das Heidebad in der Ohligser Heide) wurden angelegt.

Auf diese Weise verwandelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte der Lebensraum Heide völlig. Heidetypische Tier- und Pflanzenarten überstanden den Untergang mehr schlecht als recht auf kleinen Restflächen. Als Relikte blieben in unserer Gegend die Hildener Heide in Hilden, die Ohligser Heide in Solingen und das Further Moor in Langenfeld übrig.

Als der drohende Totalverlust offensichtlich wurde, versuchten Naturschützer in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand zu retten, was zu retten war. In mühseliger Handarbeit wurden Flächen entbuscht und abgeplaggt, um so die ursprüngliche Nutzung zu imitieren. Mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand ließen sich die Flächen erhalten und der Standort sichern. Doch konnte das Ersatzkonzept nicht in allen Bereichen überzeugen, zumal sich das menschliche Werk in mancherlei Hinsicht als ineffektiv erwies.

Das Alternativkonzept wurde von den Biologischen Stationen Mittlere Wupper und Urdenbacher Kämpe erarbeitet. Eine umfassende Diplomarbeit, die natuschutzfachliche, kulturhistorische, landschaftsästhetische und finanzielle Aspekte beleuchtete, ebnete den Weg durch die Behörden.

Das Ergebnis kann seit diesem Frühjahr besichtigt werden: die Herde der mittlerweile vom Aussterben bedrohten Moorschnucken zieht zwei Mal im Jahr von Mai bis Juni und von August bis September für jeweils zwei bis drei Wochen durch die drei Gebiete und betätigt sich als Landschaftspfleger. Unterstützung erhalten die Schafe dabei auch noch von einigen Ziegen, die auf den Verbiss der aufkommenden Gehölze spezialisiert sind. Wie es sich gehört, wird die Herde von einem Schäfer mit seinen Hütehunden betreut.

Allerdings ist die Romantik von damals auch manchem modernen Pragmatismus gewichen: der Schäfer von heute erreicht seine Herde nicht mehr nach einem morgendlichen Spaziergang durch Feld und Flur, sondern nach einer längeren Autofahrt. Er ist auch kein wortkarger Einzelgänger mehr, dessen ganze Hingabe an einer Herde hängt, sondern Chef eines Schäfereibetriebes, der gleich mehrere Angestellte beschäftigt und einen Großteil seiner Arbeit inzwischen vom Schreibtisch aus erledigen muss. Die Konkurrenz aus Neuseeland und Australien drückt auch heute noch wie einst zu Beginn des letzten Jahrhunderts, und ein Schaf zu scheren kostet mehr, als durch den Verkauf der Rohwolle zu verdienen ist. Dass sich die Sache für alle Beteiligten aber am Ende doch noch lohnt, ist das Ergebnis öffentlicher Zuschüsse. Dank der Rückbesinnung auf alte Traditionen können diese allerdings deutlich geringer ausfallen als bei dem Einsatz von Mensch und Maschine.